Geschichtlicher Hintergrund

Plötzliche und unerwartete Todesfälle im Kindesalter sind bereits historisch überliefert. Erste schriftliche Aufzeichnungen, die möglicherweise im Zusam-menhang mit dem SIDS stehen, sind z. B. in der Bibel zu finden. Als siebte und schlimmste Plage, die zur Zeit des Auszugs der Israeliten aus Ägypten über den Pharao und sein Land kam, ist der Tod sämtlicher Erstgeborener genannt. An anderer Stelle wird über das Erdrücken von Säuglingen durch deren Mütter im Schlaf berichtet. Im frühen Mittelalter wurde in einigen kirchlichen Dekreten das Delikt der oppressio infantum, das unbeabsichtigte Ersticken von Kleinkindern im Schlaf, erwähnt [Arnold 1991]. Als medizinische Erklärungsversuche des Phänomens SIDS wurde vom 17. bis ins 19. Jahrhundert ein Ersticken aufgrund eines vergrößerten Thymus postuliert, was als Asthma thymicum und später als Teilsymptom einer komplexen Entwicklungsstörung "lymphatisch-chlorotischer Natur" [Palthauf 1890] erklärt wurde. Im frühen 20. Jahrhundert bis in die 20er Jahre wurden deshalb bei Kindern prophylaktische Röntgenbestrahlungen des Thymus' durchgeführt [Franciosi 1983].

Mit der Abnahme anderer frühkindlicher Todesursachen seit den 50er und 60er Jahren nahm das Interesse am Plötzlichen Säuglingstod immer mehr zu. So kam es 1963 zu einer ersten internationalen Konferenz über die Ursachen des Plötzlichen Säuglingstodes in Seattle. Der zunehmenden Bedeutung des SIDS trug auch die Weltgesundheitsorganisation WHO durch die Zuweisung der Codenummer 798.0 anläßlich der 9. Revision des ICD im Jahre 1979 Rechnung.

Bis Ende der 70er Jahre entstanden mehr als 100 Hypothesen zur Erklärung des SIDS, wovon jedoch keine in jeder Hinsicht befriedigend war [Arnon 1984]. In den letzten Jahren sind die meisten Untersucher zu dem Schluß gekommen, daß das SIDS eine multifaktorielle Genese aufweist und wahrscheinlich ein Sammelbegriff für mehrere, heute noch nicht geklärte pathologische Prozesse mit dem gemeinsamen finalen Bild des Plötzlichen Säuglingstodes ist.


Schlaud M. Epidemiologie des Plötzlichen Kindstods (SID). In: Saternus K-S, Karimow S (eds). Säuglingssterblichkeit, Plötzlicher Kindstod (SID). Lübeck: Schmidt-Römhild; 1998.

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